Loving Kindness
Was passiert, wenn wir anfangen, freundlicher mit uns selbst zu sein?
8/28/20265 min read
Vielleicht kennst du diesen Moment: Du hast einen Fehler gemacht. Etwas nicht geschafft. Dich mit jemandem verglichen. Oder einfach einen Tag gehabt, an dem du nicht besonders viel auf die Reihe bekommen hast. Und plötzlich ist da diese Stimme im Kopf.
„Das hätte besser laufen müssen.“ „Andere schaffen das doch auch.“ „Reiß dich zusammen.“
Mit einem Menschen, den wir lieben, würden wir wahrscheinlich ganz anders sprechen. Wir würden vielleicht sagen: Es ist okay. Du musst nicht immer stark sein. Sei ein bisschen nachsichtiger mit dir.
Aber warum fällt uns genau das bei uns selbst so schwer?
Genau hier beginnt Loving Kindness: Liebevolle Güte. Im Buddhismus wird diese Praxis Metta genannt. Und vielleicht ist sie gerade deshalb so spannend, weil sie uns nicht auffordert, noch besser, disziplinierter oder achtsamer zu werden. Sie lädt uns zu etwas viel Einfacherem ein:
Uns selbst mit mehr Freundlichkeit zu begegnen.
Was bedeutet eigentlich Metta?
Das Wort Metta findet man in vielen frühen buddhistischen Schriften, und wird meist mit „liebende Güte“ oder „Wohlwollen“ übersetzt. Dabei geht es nicht um romantische Liebe. Und auch nicht darum, dass wir uns plötzlich großartig finden müssen. Metta ist vielmehr eine innere Haltung:
Möge ich sicher sein..
Möge ich Frieden erfahren..
Möge ich glücklich sein..
Möge ich mit mir selbst freundlich sein.
In einer klassischen Metta-Meditation werden solche Wünsche zunächst an uns selbst gerichtet. Danach können sie sich immer weiter ausdehnen: auf einen Menschen, den wir lieben, dann auf einen neutralen Menschen, dann auf jemanden, mit dem wir Schwierigkeiten haben und schließlich auf alle Lebewesen.
Ich finde genau diesen Aufbau unglaublich schön. Denn er beginnt nicht irgendwo im Außen. Sondern zuerst bei uns selbst. Vielleicht klingt das zunächst ein bisschen egoistisch.
Sollten wir nicht lieber lernen, für andere da zu sein? Aber genau hier liegt ein spannender Gedanke hinter Metta: Wie soll ich einem anderen Menschen wirklich mit Geduld und Mitgefühl begegnen, wenn ich mich selbst permanent unter Druck setze? Wenn ich ständig das Gefühl habe, nicht genug zu sein, suche ich Anerkennung vielleicht immer wieder im Außen. Und wenn ich mir selbst keine Sicherheit geben kann, versuche ich vielleicht umso stärker, mein Leben, meine Beziehungen und meine Umgebung zu kontrollieren.
Metta setzt also bei der Frage an:
„Wie kann ich mir selbst begegnen, genau so wie ich gerade bin?“
Eine schöne Geschichte hinter Loving Kindness
Eine der Geschichten, die mir im Zusammenhang mit Metta besonders gut gefällt, erzählt von einer Gruppe buddhistischer Mönche, die zur Meditation in einen Wald geschickt wurden. Doch dort wurden sie immer wieder von Geräuschen und Erscheinungen erschreckt. Sie bekamen Angst und kehrten zu Buddha zurück. Seine Antwort war nicht: „Seid mutiger.“
Stattdessen lehrte er ihnen eine Metta-Meditation. Die Mönche sollten liebevolle Güte kultivieren: für sich selbst, für die Wesen im Wald und für alles, was ihnen begegnete. Als sie zurück in den Wald gingen, war da nicht plötzlich ein anderer Ort. Aber ihre Haltung hatte sich verändert. Und genau das macht den Unterschied.
Ich mag diese Geschichte, weil sie etwas sehr Einfaches zeigt:
Wir können nicht immer verändern, was uns im Leben begegnet. Aber wir können verändern, mit welcher Haltung wir ihm begegnen. Und genau das kann auch mit uns selbst passieren.
Loving Kindness ist nicht einfach positives Denken.
Metta bedeutet nicht: „Alles ist wunderbar.“ oder „Ich liebe mich jeden Tag.“
Und schon gar nicht: „Ich muss nur positiv denken, dann wird alles gut.“
Wenn du gerade traurig bist, darfst du traurig sein. Wenn du erschöpft bist, darfst du erschöpft sein. Wenn du dich selbst gerade überhaupt nicht leiden kannst, musst du nicht plötzlich einen inneren Liebesbrief an dich schreiben.
Metta beginnt stattdessen viel kleiner. Zum Beispiel „Möge ich freundlich mit mir sein, auch wenn ich gerade nicht weiß, wie.“ Das verändert die Realität zwar nicht sofort. Aber es verändert möglicherweise die Art, wie du in dieser Realität stehst.
Und was sagt die Wissenschaft dazu?
Auch die Wissenschaft beschäftigt sich inzwischen in mehreren Studien mit Loving Kindness und den positive Effekte, die daraus entstehen können. Besonders spannend finde ich dabei die sogenannte Broaden-and-Build-Theorie der Psychologin Barbara Fredrickson.
Sie beschreibt: Wenn wir immer wieder positive Gefühle wie Frieden, Freude, Interesse oder Verbundenheit erleben, wird unser Blick irgendwann weiter.
Wir sehen nicht mehr nur eine Lösung oder einen Weg, sondern plötzlich mehrere Möglichkeiten. Und genau daraus können neue Ideen, Beziehungen und Handlungsspielräume entstehen.
Vielleicht liegt genau hier eine der schönsten Möglichkeiten von Metta:
Wenn wir innerlich weiter werden, kann auch unser Leben wieder etwas weiter werden.
Ich habe selbst irgendwann bemerkt, wie leicht ich Yoga dazu benutzen kann, an mir zu arbeiten.
Noch beweglicher werden. Noch stärker werden. Noch konzentrierter werden.
Und natürlich ist daran grundsätzlich nichts falsch. Aber irgendwann habe ich mich gefragt:
Was wäre eigentlich, wenn Yoga nicht immer etwas sein muss, das ich an mir verbessere?
Was wäre, wenn ich für einen Moment einfach hier sein kann?
Diese Frage hat meine eigene Praxis verändert. Und genau deshalb berührt mich Loving Kindness so sehr. Denn plötzlich geht es nicht mehr darum, etwas bestimmtes zu erreichen. Es geht darum, die Beziehung zu mir selbst zu verändern:
Von Selbstkritik zu Selbstmitgefühl.
Das Schöne an Metta ist, dass die Praxis nicht bei uns selbst endet.
Aus Selbstmitgefühl entsteht über die Zeit irgendwann echte Verbindung. Denn wenn wir erkennen, dass wir alle Angst kennen, Unsicherheit oder den Wunsch, geliebt zu werden, wird es schwieriger, andere Menschen nur noch zu beurteilen. Vielleicht sehen wir dann nicht mehr nur den schwierigen Kollegen. Sondern einen Menschen, der genau wie wir versucht, mit seinem Leben zurechtzukommen.
Eine kleine Einladung für deinen Alltag.
Du musst jetzt nicht direkt eine halbe Stunde lang meditieren. Vielleicht probierst du es heute einfach einmal für eine Minute.
Schließe die Augen. Atme ruhig. Und richte diese vier Sätze zunächst an dich selbst:
Möge ich sicher sein..
Möge ich Frieden erfahren..
Möge ich gesund sein..
Möge ich freundlich mit mir selbst sein..
Und dann beobachte was passiert. Vielleicht fühlt es sich schön an. Oder vielleicht merkst du, dass gerade gar keine liebevollen Gefühle auftauchen. Auch das ist okay!
Denk daran: Metta bedeutet nicht, ein bestimmtes Gefühl zu erzwingen. Es bedeutet, die Richtung zu wählen und mit der ZEIT verändert sich vielleicht mehr, als wir zunächst erwarten.
Denn wenn wir aufhören, uns selbst als Problem zu betrachten, das gelöst werden muss, entsteht plötzlich so viel mehr Raum.
Für Ruhe. Für Verbindung. Für Mitgefühl. Für Gemeinschaft.
Und vielleicht sogar für ein ganz neues Gefühl von Frieden in dir selbst.
Mögest du freundlich mit dir sein.
