Namaste
Wir sagen „Namaste“ am Ende einer Yogastunde fast selbstverständlich. Aber was steckt eigentlich hinter diesem kleinen Wort? Eine persönliche Begegnung während meiner Zeit in Indien hat meine Sicht darauf verändert. Namaste ist für mich eine Erinnerung daran, einander wahrzunehmen, ohne zu bewerten und uns selbst mit derselben Aufmerksamkeit zu begegnen.
9/10/20264 min read
Es gibt diesen Moment am Ende einer Yogastunde. Die Musik wird immer ruhiger. Wir bringen wieder Atmung und Bewegung in unsere müden Savasana Körper. Für einen Augenblick ist es ungewöhnlich still im Raum. Wir rollen uns auf unsere Lieblingsseite und dann setzen wir uns alle auf. Manche schließen noch einmal die Augen. Jemand findet seine aufrechte Position. Andere bringen bereits ihre Hände vor dem Herzen zusammen. Und dann beenden wir die Praxis:
Eigentlich ist dieser Moment schnell vorbei. Aber ich frage mich manchmal, ob wir uns wirklich bewusst machen, was darin passiert. Denn während einer Yogastunde verbringen wir eine ganze Weile damit, uns selbst zu beobachten. Wir spüren unseren Atem, unsere Beine, unseren Rücken. Wir merken, wo wir angespannt sind und wo etwas leichter fällt.
Und nachdem wir die Augen öffnen, sitzen da wieder andere Menschen, mit denen wir gerade eine Stunde Yoga praktiziert haben. Und für einen Moment fühlen wir uns wunderbar verbunden.
Wie oft sehen wir andere Menschen wirklich?
Im Alltag sehen wir unsere Mitmenschen erstaunlich selten. Wir sitzen im Zug neben jemandem und schauen aufs Handy. Wir laufen an Menschen vorbei, ohne sie wahrzunehmen. Wir sprechen mit jemandem und überlegen gleichzeitig, was wir als Nächstes sagen möchten. Das ist überhaupt nicht böse gemeint. Unser Kopf ist einfach ständig beschäftigt. Vielleicht ist genau deshalb der Moment am Ende einer Yogastunde so interessant. Für einen kurzen Augenblick geht es nicht darum, etwas zu erreichen. Da sitzen wir einfach als Yogis in der Runde und nehmen uns wahr.
Eine Begegnung, die mir geblieben ist
Während meiner Zeit in Indien gab es einen Mann, dem ich immer wieder begegnet bin. Ich kannte seinen Namen nicht. Wir hatten nie ein richtiges Gespräch. Ich wusste nicht, woher er kam, was er machte oder wie sein Leben aussah. Er saß häufig vor einem kleinen Laden in der Nähe des Ashrams, in dem ich damals lebte und Yoga praktizierte. Am Anfang bin ich einfach an ihm vorbeigelaufen. Irgendwann haben wir uns zum ersten Mal angesehen. Er lächelte und legte die Hände vor seiner Brust zusammen. Ich machte die Geste nach. Das war alles.
Am nächsten Tag passierte dasselbe. Und am Tag danach wieder. Mit der Zeit wurde daraus eine kleine Gewohnheit. Wenn ich ihn sah, blieb ich für einen kurzen Moment stehen. Wir sahen uns an, lächelten, die Hände gingen zusammen.
Kein Gespräch. Denn wir sprachen nicht dieselbe Sprache. Keine Ahnung, wer dieser Mensch eigentlich war. Und trotzdem hatte ich irgendwann das Gefühl, dass ich ihn kenne.
Ich erinner mich, an einem Tag bin ich an seinem Platz vorbeigekommen und er war nicht da. Ich weiß noch, dass ich automatisch langsamer wurde. Es war nur ein leerer Platz vor einem kleinen Laden. Eigentlich nichts Besonderes. Aber ich habe in diesem Moment gemerkt, wie sehr mir dieser kurze Austausch inzwischen gefehlt hat. Wir hatten uns nie ausgetauscht. Und trotzdem hatte diese kleine Begegnung etwas hinterlassen. Eine unausgesprochene Verbindung.
Ich glaube, es war das Gefühl: Da ist jemand, der mich wahrnimmt. Und ich nehme ihn wahr.
Genau hier beginnt Namaste
Namaste wird häufig sehr spirituell erklärt. „Das Göttliche in mir grüßt das Göttliche in dir“ ist wahrscheinlich eine der bekanntesten Interpretationen.
Ich finde diese Vorstellung schön. Aber für mich muss Namaste gar nicht so groß sein. Namaste bedeutet im Sanskrit sinngemäß „Ich verbeuge mich vor dir“ oder „Ich grüße dich“. Und plötzlich wird aus einem scheinbar kleinen Wort etwas sehr Menschliches.
Ich sehe dich.
Nicht deine Leistung. Nicht deine Yogapraxis. Nicht das Bild, das ich mir von dir gemacht habe. Aber Dich.
Das finde ich eigentlich viel spannender als jede besonders spirituelle Erklärung. Namaste ist keine Bewertung. Das ist auch etwas, das ich meinen eigenen Yogaschülern gerne mitgeben möchte.
Denn Yoga ist schnell zu einem Ort geworden, an dem wir uns selbst wieder vergleichen. Wir sehen jemanden neben uns, der problemlos in eine Haltung kommt, die bei uns gerade überhaupt nicht funktioniert. Aber genau da sollte Namaste eine andere Richtung einschlagen. Die Person neben dir muss nichts können, damit du ihr mit Respekt begegnest und du selbst natürlich auch nicht.
Und vielleicht liegt gerade hier mal wieder die eigentliche Übung. Wir denken beim Yoga oft an die Asanas. Aber die Übungen könnte hier sein, einem anderen Menschen offen zu begegnen, ohne sofort etwas über ihn zu denken oder zu bewerten.
Und oft ist es noch schwieriger, uns selbst genau so zu betrachten. Ohne Bewertung.
Kein „Das müsste besser gehen“. Oder „Warum kann ich das noch nicht?“
Stattdessen einfach wahrzunehmen, was heute da ist.
Und genau deshalb bringen wir am Ende einer Yogastundedie Hände vor dem Herzen zusammen. Ein kleiner Moment der Aufmerksamkeit, der manchmal reicht.
Ich sehe dich. Du bist hier. Ich bin hier.
Und für diese eine Stunde waren wir gemeinsam unterwegs.
Namaste.
