Wenn die Tage dunkler werden
Der Sommer verabschiedet sich langsam. Die Tage werden kürzer, die ersten Blätter färben sich und abends kehrt früher Ruhe ein. Noch ist es kein Winter, aber die Welt beginnt bereits, ihren Rhythmus zu verändern. Und genau das kann mehr mit uns machen, als wir vielleicht denken.
10/1/20264 min read
Draußen ist es noch nicht richtig dunkel. Und eigentlich ist es auch noch gar nicht richtig Herbst. Aber man spürt, dass sich etwas verändert. Die Tage werden langsam kürzer. Die Wärme des Sommers bleibt abends nicht mehr ganz so lange. Die Luft fühlt sich anders an und irgendwann kommt dieser Moment, an dem wir zu Hause das erste Licht einschalten, obwohl es eigentlich noch gar nicht so spät ist. Es ist diese besondere Zeit zwischen Sommer und Herbst. Eine Zeit des Übergangs. Und ich liebe diese Zeit.
Denn während sich draußen langsam etwas verändert, verändert sich oft auch etwas in uns.
Wenn die Welt um uns langsamer wird
Wir unterschätzen oft, wie stark unsere Umgebung beeinflusst, wie wir uns fühlen. Licht, Temperatur, Geräusche und der Rhythmus der Natur wirken auf unseren Körper und unseren Geist – auch wenn wir das gar nicht bewusst wahrnehmen.
Im Ayurveda wird genau dieser Zusammenhang sehr ernst genommen. Die Jahreszeiten bringen unterschiedliche Qualitäten mit sich. Der Übergang in die kühlere, trockenere und bewegtere Zeit wird traditionell stark mit Vata verbunden. Was ich daran spannend finde, ist weniger die Theorie dahinter als die Einladung, einmal genauer hinzuschauen:
Was verändert sich gerade um mich herum - und was macht das mit mir?
Im Sommer bekommen wir Bewegung oft ganz automatisch. Wir sind draußen, gehen mehr, treffen Menschen, sind unterwegs. Wenn die Tage kürzer werden, fällt vieles davon weg. Und genau deshalb ist es so wertvoll, die eigene Praxis nicht gemeinsam mit dem Sommer auslaufen zu lassen. Yoga wird jetzt nicht weniger wichtig. Es bekommt nur eine andere Bedeutung. Wenn sich draußen vieles verändert, kann es unglaublich gut tun, etwas zu haben, zu dem wir immer wieder zurückkehren.
Die Matte. Den Atem. Eine Stunde, die nur uns gehört.
Die Kerzen im Yogaraum
Ich erinnere mich besonders gerne an unsere Yogastunden in den Herbst- und Wintermonaten. Draußen war es längst dunkel, wenn die ersten Yogis zur Einheit kamen. Und während wir gemeinsam praktiziert haben, wurde unser Raum nur von den vielen Kerzen erleuchtet. Es war jedes Mal eine ganz besondere Atmosphäre. Dieser warme Schein, die Ruhe im Raum, die Menschen auf ihren Matten. Draußen Kälte und Dunkelheit. Und drinnen Wärme, Bewegung und Gemeinschaft.
Ich habe diese Stunden immer als etwas ganz Besonderes empfunden. Und vielleicht ist genau das die Schönheit dieser dunkleren Jahreszeit: Wir können anfangen, unsere äußere Welt bewusster zu gestalten. Nicht um die Dunkelheit zu vertreiben, sondern um mit ihr zu arbeiten. Eine Kerze anzuzünden. Das Licht etwas zu dimmen. Einen Tee zu machen. Uns zu bewegen. Zu atmen.
Kleine Dinge bekommen plötzlich eine ganz andere Bedeutung.






Eine Zeit, die nach innen führt
In den letzten Jahren habe ich auch gemerkt, dass meine eigene Yogapraxis meinen Blick auf diese Jahreszeit verändert hat. Wenn ich heute durch die ersten Herbsttage gehe und die Farben der Bäume sehe, nehme ich sie anders wahr. Ich sehe nicht nur, dass sich draußen etwas verändert. Ich kann diesen Prozess irgendwie besser verstehen. Die Blätter werden bunt. Sie verändern ihre Farbe. Irgendwann lösen sie sich vom Baum und fallen zu Boden. Nichts daran versucht, für immer so zu bleiben, wie es war. Und während ich das beobachte, erkenne ich etwas Ähnliches auch in mir. Gedanken verändern sich. Bedürfnisse verändern sich. Dinge, an denen wir festgehalten haben, dürfen sich verändern. Manche Phasen unseres Lebens gehen zu Ende, damit etwas Neues entstehen kann.
Vielleicht ist genau darin ein Teil dieser besonderen Kraft des Herbstes:
Die äußere Veränderung erinnert uns an unsere eigene.
Und je mehr wir nach innen schauen, desto mehr können wir auch verstehen, was gerade in uns in Bewegung ist.
Generell glaube ich, wir erwarten oft von uns, das ganze Jahr über gleich zu funktionieren.
Gleiche Energie. Gleiche Motivation. Gleiches Tempo.
Dabei verändert sich die Welt um uns herum ständig. Warum sollte unser Umgang mit uns selbst immer gleich bleiben?
Vielleicht wird unsere Praxis etwas ruhiger. Vielleicht brauchen wir mehr Wärme. Vielleicht tut ein kräftiger Flow gut, der uns wieder richtig in den Körper bringt. Vielleicht genießen wir es, abends bei Kerzenschein auf der Matte zu stehen und für eine Stunde alles andere draußen zu lassen.
Und gerade in einer Zeit, in der sich unser Rhythmus verändert, ist diese regelmäßige Rückkehr zur Matte unglaublich wertvoll.
Draußen beginnt gerade ein neuer Abschnitt. Die ersten Blätter verändern ihre Farbe. Die Tage werden kürzer. Die Welt wird langsam ruhiger. Und obwohl noch gar nicht Winter ist, ist jetzt genau der richtige Moment, diese Veränderung bewusst wahrzunehmen. Die Farben des Herbstes zu genießen. Die ersten Kerzen anzuzünden. Die Matte auszurollen.
Und zu entdecken, was diese neue Jahreszeit nicht nur draußen, sondern vor allem in uns in Bewegung bringt.
